Passstücke
erschienen in “O.T.”, Juni 2014

Regine Steenbock – die Künstlerin unter Hamburgs Modemachern – eröffnete im April ihren neuen Laden in der Marktstraße. Wir sprachen mit ihr über Verbindungen zwischen ihrer Mode und Kunst

Du hast Bühnen- und Filmgestaltung studiert und warst in der Klasse „Film und Kochen als Kunstform“ von Peter Kubelka an der Frankfurter Städelschule. Warum und wann wurdest Du Modemacherin?
• • • Ich brauchte einen Cut. Das war ungefähr 1993. Ich machte Filme, die man am ehesten mit „fiktiver Dokumentarfilm“ bezeichnen könnte. Aus einer quasi ethnologischen Perspektive habe ich bspw. einen Dokumentarfilm über die Liebe gedreht.

Aber was brachte Dich ausgerechnet zur Mode?
• • • Im Grunde bin ich da rein geschliddert. Ich hatte mich mit meiner Filmarbeit überanstrengt und wollte einfach etwas machen, das mir leicht fiel. Ich habe seit meiner Kindheit meine Kleidung selbst entworfen, die meine Mutter dann genäht hat. Dadurch war mir die Materie vertraut.
Da ich den klassischen Frauenzeitschriften-Modekontext mit den entsprechenden Schnittmuster-Heften schon immer als ideologische Tortur empfand und von professioneller Schnittkonstruktion noch nichts wusste, habe ich sehr früh begonnen meine Schnitte sozusagen rein empirisch selbst zu entwickeln.

Du hast also nie eine Mode-Ausbildung gemacht und bist reine Autodidaktin?
• • • Ja – falls man das mit nahezu 20 Jahren Berufserfahrung noch so bezeichnen kann. Autodidakten holen sich ihre Informationen und Anregungen an genau der Stelle, wo sie sie einsetzen wollen. Und sie arbeiten darauf hin, das zu verwirklichen, was sie als Idee im Kopf haben. Sie entwickeln dabei ihre eigenen Techniken. Für mich war es immer sehr anregend, viel auszuprobieren und das Ergebnis dann in der Realität – also an der Kundin – zu überprüfen. Diese Herangehensweise wäre auch eine Lehrmethode, die ich befürworten würde.

Interessierst Du Dich denn überhaupt für Mode?
• • • Mode als gesamtgesellschaftlich konformes Gebilde gibt es ja eigentlich schon lange nicht mehr. Bestimmte Modeerscheinungen lassen sich aufgrund ihrer Flächendeckung eher mit einer Epidemie vergleichen als mit dem lustvollen Ausprobieren von etwas Neuem. Diesen Epidemien gehe ich auf jeden Fall aus dem Weg. Aber es gibt zum Glück unendlich viele Strömungen, Szenen, Kulturkreise, die parallel existieren und ihre eigenen Ausdrucksformen propagieren. Das schaue ich mir gerne an und amüsiere mich über diese wandelnden temporären Psychogramme: Hängende Hosen, gestutzte Behaarung, beulende Mützen, stöckelnde Beinchen,… Und manchmal macht es mir auch Spaß, die ein oder andere Form in meiner Arbeit zu kommentieren.
Mode, die unterschwellig Gefolgschaft einfordert oder sich auf arrogante Weise von anderen distinguieren will, finde ich abstoßend. Ich habe einen hohen Freiheitsanspruch. Und deshalb ist mir in der Mode Souveränität letztendlich auch wichtiger als Schönheit, die sowieso meist vom Himmel fällt.

Deine Kleider sollen in keiner Weise einengen, oder?
• • • Niemand lässt sich gerne in seiner Bewegungsfreiheit einschränken. Um dem gerecht zu werden, muss ich viele Dinge berücksichtigen, die die Sache komplizierter – aber auch reizvoll machen. Aber bei aller Liebe zu pragmatischen, lebenserleichternden Lösungen: Das vielbeschworene Credo „Form follows Function“ greift in der Kleidung nicht immer. Ich glaube, Mode hat einen hohen dadaistischen Impuls. Das kann wie ein Befreiungsschlag wirken. Vieles macht zunächst überhaupt keinen Sinn, aber Spaß.

Ist denn Haute Couture – die in der Regel Show und nicht tragbar ist – eher Kunst?
• • • Alles, was nicht tragbar ist, soll Kunst sein? Ich finde, da liegt ein Missverständnis vor. Nur weil sich etwas der Tragbarkeit entzieht und ein bisschen verrückt aussieht, heißt ja nicht, dass es automatisch eine Art höheren Sinn generiert.
Ein Kleid muss durchlässig für das alltägliche Leben sein. Das ist der entscheidende Unterschied zur freien Kunst, die ganz andere Bedingungen braucht, um sich zu entfalten. Trotzdem gibt es in der Mode eine schwer greifbare, immaterielle Bedeutungsebene und wenn ich mich bewusst damit auseinandersetze, berühre ich automatisch künstlerische Fragestellungen.
Was wir für tragbar halten und was nicht ist ja vor allem sozial bedingt. Es gab schon viele untragbare Moden, die dennoch getragen wurden. Man musste dann eben üben, damit umzugehen.
Bei uns ist ein Rücklauf der Repräsentationskleidung zu beobachten. Die Gesellschaft verhält sich insgesamt informeller. Und vermischt sich stärker. Dadurch wird auch die Mode weniger eindeutig. Außerdem empfindet man dadurch vielleicht auch ein paar Blessuren in der Form als ganz wohltuend.

Davon profitierst Du doch sicher, weil Du jenseits von Konventionen arbeiten kannst.
• • • Keine Ahnung! Ich möchte mich nur nicht langweilen.

Beobachtest Du, dass Mode in der Kunst eine Bedeutung hat?
• • • Die Mode wird von Künstlern in der Regel unbeschwerter und affekt-gesteuerter rezipiert als das eigene Metier. Was nicht unbedingt heißt, dass Mode in der Herstellung weniger kompliziert oder reflektiert ist. Die Existenzbedingungen für Kunst und Mode sind aber weitgehend verschieden – und da scheiden sich die Geister.

Ist Deine Mode von Kunst oder Künstlern beeinflusst?
• • • Ich ernähre mich von der Kunst und die Ernährung beeinflusst ja bekanntermaßen das Bewusstsein.

Wie überträgst Du das in ein tragbares Kleidungsstück?
• • • Indem ich mit dem ihm eigenen Vokabular hantiere – und das ist im Grunde erst einmal ganz banal: Ärmel, Ausschnitt, Nähte, Falten, Figurprobleme: wie komme ich rein ins Kleid und auch wieder raus. Bei der Schnittentwicklung knete ich dann so lange an den Formen, bis sie mir etwas Seltsames oder Neues erzählen. Das ist wie Bildhauerei als Scherenschnitt. Nur dass ein Kleidungsstück erst dann fertig ist, wenn es getragen wird. Von wem, liegt außerhalb meiner Einflusssphäre – und das von vorne herein in die Gestaltung mit einzubeziehen finde ich sehr interessant.
Um konkret die Gemeinsamkeiten aber auch Differenzen zwischen Kunst und Mode zu veranschaulichen: Der von mir sehr geschätzte Künstler Franz West versteht seine „Passtücke“ als eine Art Partitur von Gesten und meinte: „Wenn man Neurosen optisch wahrnehmen könnte, sähen sie aus wie die Passstücke.“
Mit meinen Passformen bemühe ich mich hingegen, Neurosen unsichtbar zu machen und der künftigen Trägerin eine gute Figur zu geben. Ich verhalte mich benutzerfreundlich. Außerdem finde ich, dass die Mode als Refugium der Schönheit, schützenswert ist.

Wie hat sich das Studium bei Peter Kubelka auf Deine Arbeit mit Mode niedergeschlagen?
• • • Dass ich eine sehr selbstkritische Autodidaktin geworden bin und mich bei allem nach dem warum und wieso frage.

Das kann auch ziemlich behindern.
• • • Ja, es dauert vor allem alles viel länger!

(Interview: Petra Schwab)